Filmpremiere "Das Mädchen vom Änziloch"

Einer Sage in Romoos auf der Spur

Neu erschienen: Der Dokumentarfilm «Das Mädchen vom Änziloch» von Alice Schmid kommt in die Kinos

Im Napfland ist die vielseitige Regisseurin Alice Schmid zu Hause. Ihr Film «Die Kinder vom Napf» war 2011 ein grosser Erfolg und brachte ihr viele Auszeichnungen. Jetzt knüpft sie mit einem spielerischen Dokumentarfilm über das Geheimnis des Änzilochs daran an. Der EA hat die Pressevisionierung in Luzern besucht.

 

[geschrieben von Urs Wigger, EA]

Unerschrocken steuert die zwölfjährige Laura dieses Ungetüm von einem Vehikel, das einen Mordskrach macht, gegen den Abgrund des Änziloch. Dieses verwünschte Loch mit der angeblich dorthin verbannten Jungfrau will ihr einfach nicht aus dem Kopf. Überhaupt fragt sie sich schon lange: Was ist denn eigentlich das Geheimnisvolle an diesem Änziloch? Weshalb wird so eindringlich davon abgeraten, dort hinunter zu steigen?

 

Sagenhaft

Es sei ein Kessel für sich, sagen die Leute, sogar Heissluftballone meiden ihn. Und bei Vollmond oder am Neujahr kämme sich die Jungfrau ihre langen weissen Haare. Natürlich: Gesehen habe das noch niemand. Aber «öppis chaa scho draa sii.» Die Sage erzählt von einem aufmüpfigen Mädchen, das dem Vater nicht helfen wollte, die Steine auf der Weide aufzulesen. Im Zorn wollte es einen Stein ins Änziloch werfen, traf aber unglücklicherweise den eigenen Vater – und wurde selbst in den verfluchten Krater gezogen. Seither ist sie dorthin verbannt, die Jungfrau vom Änziloch.

 

Köhlerei und Kaninchen

Für Laura gibt es viel zu tun im bäuerlichen Betrieb, überall hat sie Hand anzulegen. Sie füttert Kaninchen, mistet, ist auch dabei, wenn eines gemetzget wird. Beim Anblick des aufgehängten Hasen könnte ihr leicht die Lust vergehen – aber das Fell hätte sie dann schon gerne. Sie pflegt das lahmende Pony und muss zusehen, wie es stirbt. Sie hilft in der Köhlerei, wo die Holzkohle übers Förderband in Säcke abgefüllt wird. Und Laura verschnürt sie eigenständig, maschinell. Russgeschwärzt ihre Hände und ihr Gesicht – Schmutzli mitten im Sommer.

 

Wenn sie zaubern könnte

Immer wieder liest sie aus ihrem Tagebuch. Ihr grösster Wunsch wäre, «dass sie ihre Dicke, ihre Dickheit wegzaubern könnte». Und dann kommt eines Tages ein Stadtbub zu ihnen in den Landdienst, der gleichaltrige blonde Thom. Endlich jemand, mit dem sie reden kann. Auch übers Änziloch. Aber weiterhelfen kann auch er ihr nicht, zudem fehlt es ihm an Mut. Da braucht es unerschrockene Mädchen wie sie – also ab aufs Gefährt, hinüber zum Änziloch und dann furchtlos hinunter. Was sie dort erfährt, nimmt sie mit in ihr ganzes Leben …

 

Ein Naturtalent

Offenbar ist der Napf eine Herzensangelegenheit für die Regisseurin, Filmproduzentin und Autorin Alice Schmid, die in Romoos lebt. «Die Kinder

vom Napf» (2011) stiess auf sehr positives Echo, brachte ihr grossen Erfolg und viele Auszeichnungen. In ihrem neuen Kinodokumentarfilm hat sie gleich eines dieser Kinder mit der Hauptrolle bedacht. Diese Laura braucht keine Schauspielerei, sie ist ein Naturtalent, sie ist einfach Laura Larissa Röösli: unverkrampft, natürlich, eingebunden in die bäuerlichen Arbeiten, aber in Gedanken immer wieder im Änziloch. In rhythmischer Abfolge kommen Erwachsene zu Wort, jeweils in gleicher, totaler Kameraeinstellung,

meist positioniert vor ihrem Haus, in vertrauter Umgebung.

 

Eine Hommage an das Napfland

Die Einzigartigkeit der Napflandschaft wird eingefangen in stimmigen, ausdrucksstarken Bildern: Strassen wie gezeichnete Linien, die sich um sanfte

Hügel winden, sich irgendwo verlieren, um in weiter Ferne wieder aufzutauchen, mehrfach verkleinert. Weite Sichten und zerklüftete Abgründe. Stimmungen gibt es in allen Schattierungen: Gewitterregen mit Blitz und Donner, Nebelschwaden und Regenbogen, Abenddämmerung im Gegenlicht.

 

Vielstimmig und sagenhaft schön

Musikalische Untermalung braucht der Film nicht, die Natur macht die Musik: das Krächzen der Krähen, das Summen von Wespen, der Atem von

Laura. Nur einmal gibt es richtig Musik,

erst noch live, wenn der Trachtenchor

singt, stimmig auch inhaltlich:

«s’Grüchtli».

Ein Film, so stimmungsvoll wie die dargestellte Landschaft. Und so echt, wie die natürliche Laura. 87 Minuten Ruhe und Beschaulichkeit, mit viel Arbeit und mit viel Napf, mit einem roten Faden, der den Film kurzweilig macht – schön ist er ja ohnehin, sagenhaft schön.


Romooser sahen den Film vor dem Kinostart

Romoos: Vorpremiere im Hotel Kreuz

Sichtlich angespannt warteten am Samstagnachmittag die Mitwirkenden des Filmes «Das Mädchen vom Änziloch» und ihre Angehörigen sehnsüchtig auf die Premiere. Auch für die Filmemacherin Alice Schmid war dies ein sehr berührender Moment.

 

[Text Annelies Bichsel, EA]

Über zweihundert Leute drängten sich erwartungsvoll in den «Kreuz»-Saal in Romoos. «Ich bin viel nervöser als gestern an den Filmtagen in Solothurn», gestand die Mutter von Laura Röösli. «Dort waren nur einige Romooser dabei, hier kennen uns alle.» Bei fast greifbarer Spannung wurde da und dort leise geflüstert, was und wer wohl im Film gezeigt würde. Vor der Vorführung belagerten Medienschaffende die Filmemacherin und die Hauptpersonen Laura und Thom.

 

«Wenn man so lange an einem Projekt arbeitet und es endlich auf die Leinwand

kommt, ist man schon sehr angespannt. Dass ich den Film zuerst in Romoos zeigen darf, macht das Ganze für mich zu etwas ganz Besonderem», betonte Alice Schmid, die sich in der Luzerner Sonntagstracht zeigte. »Als ich vor einigen Jahren auf Holzwäge Anna Häfliger nach dem Weg ins Änziloch fragte, warnte sie mich davor. Ich aber wusste, dort muss ich unbedingt hin», erklärte sie vor dem Filmstart. Bald blickten alle Augen gespannt und konzentriert auf die Leinwand.

Ab und zu gab es zu den träfen Antworten im Film spontane Lacher.

 

Mit anderen Augen sehen

Nach dem herzlichen Applaus erzählten Laura und Thom von besonderen Ereignissen während der Dreharbeiten. Alle Mitwirkenden im Film erhielten zum Dank gebackene «Änzilochgeister». Der Trachtenchor, in dem Alice Schmid seit einiger Zeit aktiv mitsingt, gab zum Schluss sehr passend das treffende Lied «Es Grüchtli» von Ruedi Bieri und in dessen Anwesenheit zum Besten.

 

«Als Einheimischer, der alle Leute im Film und auch die Gegend bestens kennt, sieht man den Film mit ganz andern Augen », stellte ein Besucher fest. «Alice hat ihre grossartige Fähigkeit, die man von ihrem ersten Film kennt, behalten. Sie hat ein ganz gutes Gespür und ein besonderes Auge für das Kleine, das Unbedeutende. Dem gibt sie durch eindrückliche Bilder und mit speziellen Stimmungen eine wertvolle Bedeutung», bewunderte eine Anwesende.

 

Während sich die Besucher noch angeregt unterhielten, hatte Laura Röösli nur noch den einen Wunsch: «Ich bin hundemüde. Es war so anstrengend, ich möchte einfach nur noch ausruhen und schlafen».